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Bericht Roland Bauer

Roland Bauer, November 2017 bei Bharati

Im Sommer 2015, als ich mit meiner Ausbildung zum Mentaltrainer begonnen habe, erzählte mein Ausbildner – Wolfgang Reichl – beim Basis Modul B1 von seinem Dunkelretreat.

Während er seine Erfahrungen vom Dunklen schilderte, spürte ich in mir das starke Verlangen so etwas auch mal machen zu wollen. Der an diesem Tag entdeckte Wunsch wurde an die erste Stelle auf meiner Bucket List gesetzt. Ich bin davon überzeugt, dass es in einem sinnvollen Leben wichtig ist, dass man seinen Leidenschaften folgt. Dank Wolfgang Reichl entdeckte ich an diesem Tag eine neue Leidenschaft in mir, welche sich mit Gänsehaut auf meinem Körper bemerkbar machte. Ich wusste damals nicht wann wo und wie das alles funktionieren soll.

Zwei Jahre später, als ich mit meiner Mentaltrainerausbildung bereits fertig war, entdeckte ich über Wolfgang Reichl einen Anbieter für Dunkelretreats. Das Unternehmen heißt „Spiritbalance“ und befindet in Sasbachwalden in Deutschland an der Grenze zu Frankreich. Die Bedenkzeit hielt sich in Grenzen. Der Wunsch war schon lange in mir. Das Gefühl war gut. Ich nutzte die Gelegenheit und meldete mich für ein siebentägiges Dunkelretreat im Herbst 2017 an. Die Vorfreude war groß.

Anfang November 2017 reise ich mit dem Auto nach Deutschland an, nachdem ich den Vorabend noch in Eugendorf – dem Ort der Entstehung der Idee – verbringe. Das Gefühl bei der Anreise war ähnlich wie wenn ich in die Berge Wandern fahren würde. Ich freute mich schon sehr auf das bevorstehende Erlebnis.

Als ich dann nach langer Anreise beim Haus am Waldrand in Sasbachwalden angekommen bin, verspüre ich beim ersten Anblick meines Zimmers Unbehagen. Der Raum war klein, kalt und dunkel. Jetzt kurz vor dem Start verspüre ich Angst. Wie soll ich es für sieben Tage in diesem kleinen Raum aushalten?

Die erste Nacht verbringe ich wie geplant im Hellen bevor es nächsten Tag am Vormittag losgeht. Die Nacht mit Licht im Zimmer nutze ich um verschiedene Wege im Zimmer einzustudieren und vor allem um anzukommen nach der langen Reise.

Bharati, meine liebevolle Betreuung über die sieben Tage, kam am Vormittag mit einer Kerze in einer Lotusblume in mein Zimmer. Letzte Fragen wurden geklärt, ehe Bharati ein Mantra gesungen hat und ich in meiner Zeit das Licht der Kerze ausmachen durfte. Bewusst nehme ich nochmals das Kerzenlicht wahr und puste dieses dann aus. Bharati nimmt die Kerze, wünscht mir alles Gute und verlässt das Zimmer.

Nun war es also dunkel. Mit „dunkel“ meine ich richtig dunkel. Die Fenster sind außen und innen mit schwarzen Klebeband abgeklebt. Man kommt zu absolut keinem Licht in diesen sieben Tagen. Als Verpflegung während dem Aufenthalt wählte ich Rohkost. Schon nach zwei Mahlzeiten äußere ich den Wunsch der Umstellung von Rohkost auf Smoothies. Normalerweise esse ich immer sehr viel, doch im Dunklen hatte ich viel weniger Hunger als im Alltag. Über die sieben Tage habe ich 2,5 kg abgenommen.

Im Vorhinein buchte ich für mein Dunkelretreat vier einstündige Gespräche mit Bharati. Die Zeit mit Bharati war für mich sehr wertvoll. Sie half mir in meinem Prozess immer wieder Dinge zu erkennen. Die ersten Stunden und Tage befanden sich viele Alltagsgedanken in meinem Kopf. Anders als im Alltag wurden diese hier fertig gedacht und Zusammenhänge erkannt, warum und wieso manches im Leben so ist wie es ist. Ich durfte unter anderem auch sehr emotionale Erlebnisse aus der Kindheit erneut spüren und erleben. Dank eines Gespräches konnte ich die Erwartung, im Dunklen etwas Herausragendes erleben zu müssen, ablegen. Der Kopf und seine Gedanken wurden mit der Zeit leiser.

Nach emotionalen Erlebnissen in der ersten Hälfte werde ich immer ruhiger. Mit dem Verlauf der Zeit stellt sich immer mehr Zufriedenheit, Entspannung und eine sehr innige Verbindung mit mir ein. Ich fühle mich sehr wohl. So circa ab Halbzeit des Retreats begann bei mir die Vorfreude auf das Licht. Ich vergleiche dieses Gefühl immer wieder mit den letzten Minuten bevor wir früher als Kinder zu Weihnachten zum Christkind in das Wohnzimmer durften. Nicht nur ungefähr, sondern genauso war dieses Gefühl der Vorfreude.

Da ich ein Bewegungsfanatiker bin nahm ich Matten und verschiedenste Utensilien mit, um im Dunklen Bewegung machen zu können. Schlussendlich führe ich aber keine einzige Übung aus. Es war auch nicht das Verlangen da. Der ruhige Geist verlangte nach einem ruhigen Körper. Gefühlt ¾ der Zeit liege ich im Bett. Den Schlafrhythmus behalte ich bei. So schlafe ich in der Nacht immer gut und unter Tags bin ich wach. Die Unterscheidung Tag-Nacht war für mich leicht wahrnehmbar. Es herrschen einfach unterschiedliche Energien.

Spannend zu beobachten war auch, dass ich mich am Tag vor der Anreise in Eugendorf im Wellnessbereich sehr gut entspannen konnte. Im Dunklen war das am Anfang gar nicht möglich. Ich war regelrecht angespannt. Die Anspannung war wohl deswegen da, weil die Außenwelt nicht sichtbar war und somit keine Kontrolle da war. Erst als der Kopf immer leiser wurde und das Herz immer mehr zum Vorschein kam, war mehr Entspannung möglich.

Als zentrales Symbol für mein Dunkelretreat habe ich das Herz gewählt. Viele Menschen sind am Weg der Sicherheit getrieben von Angst unterwegs. Viele versuchen nur Anforderungen im Außen zu erfüllen und vergessen ihre eigene, innere Stimme im Trubel des Lebens. Den Weg des Herzens zu gehen bedarf Mut. Die innere Stimme, die ich beim alleine Wandern spüre, und die ich im Dunklen noch um ein Vielfaches mehr spüre, ist es, die ich immer intensiver wahrnehme. Wenn die Ablenkung von außen wegfällt, kann die Aufmerksamkeit nach innen gerichtet werden. Ich fühle mich gegen Ende des Retreats sehr wohl. Gleichzeitig freue ich mich schon sehr auf Licht.

Ich wähle bei Sonnenuntergang auf der Terrasse ans Licht zu kommen. Als ich die Augenbinde von meinem Gesicht entferne ist erstmals kurz alles weiß ehe sich das erste Bild gefolgt von fünf Minuten Kopfschmerzen zeigt. Nach sieben Tagen Dunkelheit ist der Kopf mit den neuen Eindrücken über das Auge überfordert. Langsam erhebe ich mich von meinem Stuhl und bewege mich langsam mit wackeligem Schritt auf der Terrasse hin und her.

Ich blicke in die Stadt hinunter und staune. Der Anblick ist wunderbar schön. Ich spüre in mich hinein. Versuche zu deuten, was sich verändert hat. Irgendetwas ist anders. Ich kann nicht sagen was aber es ist definitiv etwas anders in mir. So ist es ein zentrierter, fokussierter Blick runter Richtung Stadt. Genauso wie dieser Blick ist auch mein Geist nach diesen sieben Tagen. Es ist keine Zerstreutheit der Gedanken, wie man es oft aus dem Alltag kennt. Ich bin zu 100 % bei mir und nicht irgendwo anders. Dieses Gefühl war wunderschön und kein Gefühl auf Dauer.

Im Alltag beginne ich wieder zu viel im Außen unterwegs zu sein und bin zu wenig bei mir. Als ich nachdem ich wieder ans Licht geholt wurde in mein Zimmer gegangen bin, blicke ich mit Wehmut auf mein Bett. Ich spüre, dass ich vor ein paar Stunden noch woanders war. Wenige Zeit am Licht bemerkte ich, dass ich schon nicht mehr so 100 % bei mir bin wie noch im Dunklen.

Die sieben Tage in Dunkelheit waren eine einzigartige Erfahrung. Rückblickend habe ich in diesen sieben Tagen sehr bewusst gelebt. Jeder Schritt, jeder Schluck, jede Tätigkeit wurde mit voller Aufmerksamkeit ausgeführt. Ich lebte vollends im Hier und Jetzt und kam mir selbst immer näher. Ich spürte mein Herz von Tag zu Tag besser, war mir richtig nahe und fühlte mich dabei sehr gut.

Am schönsten war das Gefühl als ich wieder ans Licht gekommen bin und dabei spürte wie sehr ich mit mir verbunden bin und nicht mit irgendetwas anderem im Außen verstrickt war.